Wo wir herkommen und wie wir wurden, wie wir sind.
Unsere Wurzeln: Herdenschutz und Hüteinstinkt
Die meisten von uns, die aus Rumänien stammen, sind Mischungen aus lauter tollen Hunden – rumänischen Straßenhunden, wie man hier sagt. Das heißt, dass meine Vorfahren offen waren für alles, was sich begegnet ist und sympathisch fand.
Meine Mütter und Väter, Großmütter und Großväter, Urgroßmütter und so weiter, gehen alle zurück auf Hunderassen, die in Rumänien als Arbeits- oder Wachhunde tätig waren. Das waren oft Herdenschutzhunde oder Osteuropäische Schäferhunde, die uns ihren Instinkt und ihr Aussehen vererbt haben. Manchmal sollen auch Jagdhunde dabei gewesen sein, aber das war wohl eher selten. Von den Herdenschutzhunden haben wir das Wachsame, Eigenständige und das territoriale Verhalten geerbt, während die Schäferhunde den Hüteinstinkt und viel von unserem Aussehen eingebracht haben.
Das harte Leben auf der Straße
Das Leben fand seit Hundegedenken, das heißt seit vielen, vielen Generationen, auf der Straße statt – und das ist nicht immer leicht. Schwer bis katastrophal müsste man eher sagen. Viele Menschen mögen uns nicht und das lassen sie uns spüren. Wir werden vertrieben, geschlagen, man lässt uns hungern. Viele von uns werden bei Verkehrsunfällen verletzt, verkrüppelt oder getötet. Viele werden auch einfach totgeschlagen oder in Tötungsstationen gebracht.
Niemand mag ermessen, was das für ein Wesen wie mich bedeutet, das doch immer nur mit Menschen leben möchte. Das tragen wir ganz tief in unseren Genen. Seit unzähligen Generationen haben wir mit den Menschen zusammengelebt, uns von ihren Resten ernährt und dafür sie und ihre Tiere beschützt. Wir haben uns angepasst, und den Menschen hat das gefallen – wir waren sehr nützlich für sie.
Der Tag, als das Unheil begann
Und dann, aus meiner Sicht in grauer Vorzeit, Menschen sprechen von den 1970er und 80er Jahren, war plötzlich alles anders: Die Menschen mussten ihre Dörfer verlassen und in moderne Ansiedlungen ziehen. Ihre Haustiere konnten sie nicht mitnehmen, die blieben zurück und wurden sich selbst überlassen.
Meine Vorfahren mussten aber irgendwie überleben. Futtersuche, einen notdürftigen Unterschlupf finden, Flucht und Vertreibung begegnen – das war nun ihr Überlebensinhalt.
Soziale Kompetenz und Vorsicht sind unsere Kraft
Diese Lebensweise, auf sich alleine gestellt und abseits der Wohnungen der Menschen, hat zu einer hohen sozialen Kompetenz bei meinen Vorfahren geführt, die diese immer weiter vererbt haben. Wir kommunizieren hervorragend mit anderen Hunden, erkennen feinfühlig Stimmungen und reagieren darauf. Menschen gegenüber sind wir immer vorsichtig bis skeptisch. Auch neuen Situationen gegenüber ist erst einmal Misstrauen angebracht. Positiv überraschen lassen kann man sich ja immer noch. Erstmal ist Überleben das Wichtigste.
Nahrung war auf der Straße immer schwer zu finden, und das Futter, das es gab, war knapp und heiß umkämpft. Viele von uns verteidigen daher ihr Fressen immer noch instinktiv.
Was wir im Gepäck haben
Das ist der Rucksack, den wir mitbringen. Wir Rumänischen, wie wir selber sagen, sind nie ein unbeschriebenes Blatt, sondern ein ganzes Buch voll Überlebensgeschichten, wir bringen unser ganzes Vorleben mit und da ist oft auch noch ganz viel individueller Schmerz und Angst dabei. Was wir hier brauchen, sind Menschen, die unsere Geschichten lesen können und uns zeigen, dass wir hier sein dürfen und nicht mehr um alles kämpfen müssen.
TANUSCHKA


